Aufgrund neuer Erkenntnisse unterliegt die Entstehungsgeschichte
des Fahnenschwingens zwei unterschiedlichen Entwicklungsmechanismen:
Unser heutiges in den deutschsprachigen Regionen der Schweiz beheimatetes
Fahnenschwingen hat seine Wurzeln in grauer Vorzeit, als erste Menschen
den Alpenraum in der Zentralschweiz besiedelten.
Die Menschen in den wildzerklüfteten Urner Bergregionen (mit
vorwiegend magischer Grundhaltung und Denkweise) versuchten schon
in prähistorischer Zeit mit sogenannten Banngesten böse
Geister zu bannen. Solche Banngesten führten dort Hirten und
Sennen auch noch im späten Mittelalter (und in der anbrechenden
Neuzeit) aus. Zuerst diente ihnen ein „Chästuech",
das an einem primitiven Stock befestigt war. Anfangs des 20. Jahrhunderts
folgte das blutrote Tuch aus schwerer Seide. Es war das Abbild der
einstigen Blutfahne, die bei Streitigkeiten und Sühnehandlungen
im ehemaligen HEILIGEN RÖMISCHEN REICH DEUTSCHER NATION gebräuchlich
war.
Nach der Gründung des Eidg. Jodlerverbandes (1910) hielt das
weisse Kreuz im roten Feld Einzug auf den kurzgestielten Schwingerfahnen.
- Nebst der Schweizerfahne werden heute von den Verbandsmitgliedern
des EJV (vereinzelt) auch Kantonalfahnen geschwungen. Die Urschweizer
Alphirten-Fähndler präsentieren auf ihren Schwingerfahnen
an den jeweiligen Älplerkilbinen (nach überlieferter Sitte)
noch die Ehrenzeichen ihrer Sennen-Bruderschaft.
Die militärischen Fahnenrituale haben ihren Ursprung in der
zeitlich weniger weit zurückliegenden Antike als erste buntfarbene
Heereszeichen (Signum Belli) für diverse Signalfunktionen dienten.
- Daraus entwickelte sich ab dem Mittelalter die rituellen militärischen
Fahnenzeremonien, wie sie z.B. noch im 15. und 16. Jh. an französischen
und spanischen Königshäusern gebräuchlich waren.
Von dieser Quelle können nach neuen Erkenntnissen die heute
in der Schweiz üblichen Fahnenrituale beim Militär und
zivilen Organisationen glaubwürdig abgeleitet werden. - Viel
ausgeprägtere Spuren hinterliess dieses militärische Fahnenschwingen
in andern europäischen Ländern (wie Deutschland Oesterreich
Italien Frankreich, Belgien, und Holland).
Es gibt bis dato leider keine konkreten Hinweise dass das rituelle
militärische Fahnenschwingen durch heimkehrende Söldner
in die magisch geprägten Rituale der Urschweizer Älpler
einfliessen konnte. Nachweisen lässt sich hingegen, dass Alphirten
im Urnerland kurzgestielte Fahnen aus schwerer blutroter Seide schwangen,
bevor die Söldner über den Gotthardpass in die nördlich
gelegenen Regionen der Schweiz zurückkehrten.
Da sich das überlieferte Brauchtum in den Talsohlen der Urschweizer
Kantone (wie auch in den übrigen helvetischen Alpenregionen)
vorwiegend an der urzeitlich jüngeren animistischen Denkweise
ihrer Vorfahren orientierte, fehlte dort der sogenannte „Nährboden"
für das magisch beeinflusste Fahnenschwingen.
Seit dem späten Mittelalter sind in den Talböden der Urkantone
sogenannte Sennenkilbinen und die damit verbundenen Dankgottesdienste
aktenkundig. Bei diesen Hirtenfesten gehörte der Auftritt des
Sennen-Fahnenschwingers auf dem Kirchenvorplatz (oder Dorfplatz)
zum Kernstück des Festgeschehens. Hier vermischten sich unverkennbar
magische animistische und christliche Brauchtumselemente -- Die
Dankfeste der Älpler-Bruderschaften sicherten letztendlich
den Fortbestand des Fahnenschwingens in der Schweiz.
Oftringen, 2002 – Walter Bigler
Übrigens: Wir sind jetzt auch online! www.fahnenschwingen-nwsjv.ch |