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 Verband: Jodeln
Infos über das Jodeln
Grosser Popularität erfreut sich erstaunlicherweise auch in unserer Region eine oft belächelte, aber sehr lebendige Kunstform

Das Jodeln

Manchmal wird zwar behauptet, das Jodeln sei überholt und veraltet, weil es aus einer Zeit stamme, als die Schweiz noch ein Volk von Hirten und Sennen gewesen sei. Aber: ob Pygmäe oder Papua, Inuit oder Indio, Schamane oder Schweizer - die Kunst, die Singstimme vom vollen Brustregister ins jauchzende Kopfregister und zurück kippen zu lassen, hat sich zu allen Zeiten und in aller Welt zu oft erstaunlich virtuosem Musizieren entwickelt. Persische Prinzessinnen wie emmentalische Bauerntöchter glaubten von den Jauchzern und Schluchzern ihrer Verehrer deren erotische Leistungsfähigkeit ablesen zu können, und dem Vernehmen nach sei Jane beim Erkennen des Jodels ihres Tarzan öfter von der Liane gefallen.

Völlig unbekümmert überlebte eine Kunstform die Jahrhunderte in unzähligen Kulturen und der Reiz der kippenden Stimme scheint auch im 21. Jahrhundert nichts an Faszination eingebüsst zu haben. Doch wird das Jodeln oft als folkloristischer Anachronismus betrachtet. Dies mag damit zusammenhängen, dass gerade in der Schweiz die Kunst des Jodelns eng an Bräuche gebunden ist, die ursprünglich nicht zwingend damit verbunden waren: mit dem Vorführen von Trachten, die im Alltag kaum mehr jemand trägt, mit dem Einbinden des Jodels in betuliche, um Scholle, Heimat und "Muetti" kreisende Liedtexte, und mit den traditionell vorbestimmten Aufführungsorten wie Volksfesten und Jodler-Abenden.
Selbst wer dem Jodel ausschliesslich in diesem eng begrenzten Rahmen frönt, sei es als Aktiver oder als Zuhörer, kann sich der Faszination der stimmlichen Register-Akrobatik nicht entziehen. Ausserdem sind viele neue Liedtexte geschrieben worden, die es erlauben, den Gefühlen und der Sprache von heute Ausdruck zu geben. Die ärgerlichen Vorurteile stehen letzlich nur dem Genuss einer Delikatesse, einer uralten und weltweit verbreiteten kulturellen Kunstform im Wege.

Jodler sind Profis. Ich kenne in keinem anderen Bereich Musikerinnen und Musiker, die einlässlicher und sorgsamer üben als Jodlerinnen und Jodler. Dass Jodlerklubs ein Jahr, zuweilen auch mehr Probenzeit für ein Konzert einsetzen, ist nicht die Ausnahme. Oft wird Ton für Ton, Klang für Klang erarbeitet, bis Intonation, Artikulation und Dynamik haargenau stimmen. Meist geschieht das Einüben eines neuen Liedes durch "Adaption", das heisst durch Vorsingen und Nachsingen. Die Sänger sind so von Anfang an auf das gemeinsame Musizieren, auf den Gesamtklang hin orientiert - anders als beim Erarbeiten eines Musikstücks. Das Resultat ist ein kompakter, homogener Klang, der auf andere Weise kaum erreicht werden kann. Dies gilt gleichermassen für das Jodellied - sozusagen der vorbereitende Strophenrahmen für den Jodel - wie für den eigentlichen Jodel.
Der Jodel selbst setzt eine perfekte Beherrschung des sprunghaften Übergangs vom Brust- zum Kopfregister der Stimme voraus, dem sogenannten "Kehlkopfschlag". "Richtiges" Jodeln ist also erst nach dem Stimmbruch möglich - auch bei Frauen, denn auch die weiblichen Stimmlippen wachsen während der Pubertät; die Stimme sinkt durchschnittlich um etwa eine Quarte (vier Töne) bei Frauen, um eine Oktave (acht Töne) bei Männern. Die Koordination der "neuen" mit der "alten" Stimme verursacht etliche Mühe - sie zum eigentlichen musikalischen Element zu kultivieren, ist eine hohe Kunst. Unterstützt wird diese "Transzendenz" dadurch, dass der Jodel sich ausschliesslich auf die Stimme konzentriert; es gibt keinen Text im Jodel; Thema des Jodels ist die Stimme selbst.
Jodeln ist also wesentlich mehr als die Summe der Witze, die darüber gemacht werden - und auf jeden Fall mehr als die Vorurteile, die sich um diese Kunstform ranken. Der folkloristische Rahmen, in dem sich das Jodeln in der Schweiz abspielt, lenkt nur vordergründig ab von dem, was Jodeln eigentlich ist:, eine in unzähligen Kulturen verbreitete, hoch entwickelte und zuweilen fast mystische Kunst, die in neuerer Zeit auch Einzug in die Kirche gehalten hat. Eine Kunst, die ohne Worte Lebensfreude, aber auch Trauer oder religiöse Andacht auszudrücken vermag.

Die Nordwestschweiz (Aargau, Basel, Baselland und Solothurn) ist kein Naturjodelgebiet wie z.B. die Zentralschweiz mit Obwalden, Nidwalden und Muothatal, oder das Berner Oberland, oder wie das Appenzell und das Toggenburg. In der Nordwestschweiz wird in erster Linie das Jodellied gepflegt, ein meist dreistrophiges Lied mit schweizerdeutschem Text und mit einem Jodelteil als Refrain. Die Lieder für Chöre sind im 4-stimmigen Männer-, Frauen- oder Gemischtchorsatz geschrieben, der Jodelteil wird von einem oder mehreren Jodler/innen gesungen, die vom Chor mit einer untermalenden Begleitung unterstützt werden. Ein ausgebildeter Chorleiter studiert die Lieder mit dem Chor ein, bei öffentlichen Auftritten aber, singt ein Jodlerchor ohne Noten und wird nicht dirigiert. Die Jodler/innen, die den Jodelteil bestreiten sind Solisten und müssen besonders sorgfältig und intensiv ausgebildet werden.
Der nordwestschweizerische Jodlerverband bietet daher Jodlerkurse für Anfänger, für Fortgeschrittene sowie für Jodlerfestteilnehmer an, aber auch Stimmbildungskurse für Chorsänger und Weiterbildungskurse für Chorleiter. Ausserdem findet alle drei Jahre ein intensiver, einjähriger Ausbildungslehrgang für neue Chorleiter statt. Aus den erfahrenen und erfolgreichen Chorleitern rekrutieren sich die Juroren, die dann auf eidgenössischer Ebene ausgebildet werden und an den regionalen und eidgenössischen Jodlerfesten zum Einsatz kommen.

Seit vier Jahren bietet der nordwestschweizerische Jodlerverband auch sehr erfolgreich Kindern und Jugendlichen von 8-18 Jahren ein dreitägiges Schnupperweekend über Pfingsten auf dem Stoos (SZ) an.

Marianne Smug

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